Michael Schmidt: Professor Wuiser und der Sex

„Haben S‘ das schon gehört? Also, bei dieser Kultursendung am Radio da reiten sie ja wirklich alles durch. Da bringen sie diesmal sogar was zum… zum Sex. Ja, zum Sex. Tatsächlich!
Der Sex ist ja fest in unserer Kultur verankert. Und dass der Sex und die Kultur fest zusammengehören, das sieht man eben daran, dass die Kultursendungen sich intensiv mit dem Sex auseinandersex… äh auseinandersetzen.
Und da braucht man auch nicht gleich rot werden deswegen! Der Sex ist halt mal eine biologische Angelegenheit. Ja, der ist bio! Der ist Fakt! Der Sex! Fakt!

So wie das Schnaufen auch.
Sie müssen sich vorhalten: Ohne den Sex gäb’s keine Leut!
Und ohne Leut keine Kultur! Oder mögen Sie sich eine Kultur ohne Leut vorstellen?! Na, eben! Sehen Sie! Ich auch nicht!
Ohne den Sex tät die Kultur am Ende noch aussterben!

Und weil das mit dem Sex so derartig kulturbegründet ist, haben Sie auf den Tisch gehauen und gesagt: ‚So, jetzt machen wir auch mal was zum Sex! Wir machen’s einfach! Wir nehmen den Sex zu uns ins Programm! Weil alle reden über den Sex, bloß wir nicht! Und darum machen wir jetzt den Sex! Knallhart! Und reden einmal offen und ehrlich darüber!
Aber‘ , haben Sie dann gesagt, ‚aber wir müssen vorher noch einen Experten fragen. Einen Fachmann!‘ Und dann sind sie aufgestanden und sind zum Telefon gegangen und haben den Professor Wuiser angerufen und gleich gefragt, was er vom Sex hält. Und da war der Professor Wuiser gleich ganz euphorisch.
Hat er gesagt, dass er sich auf das Thema ganz besonders freuen tät. Weil einen Sex hat sogar er selber noch nie gehabt.
Nein, wirklich nicht!

Der Herr Wuiser sagt das sogar ganz offen. In seiner Rente hätt er auch gar keine Zeit mehr dafür, hat er noch dazugesagt.
Und tät außerdem ja auch gar keine Notwendigkeit verspüren dazu.
Weil die Wuisers, hat er erklärt, pflegen nämlich immer noch die traditionelle Fortpflanzungsmethode der holistischen Zellhaufenteilung.“

Matt S. Bakausky: Gefühlte Zeit

Rutsche auf dem Bürostuhl hin und her. Starre auf den Monitor.
Draußen, tief unten, stehen Autos im Stau. Umleitung.
Weißt du noch damals als der Helikopter gelandet ist und der Pilot sich einen Döner geholt hat?
Okay, das war wohl nur ein Tagtraum.
Seiten aufrufen. Nachrichten die täglich gleich aussehen, nur dass unsichtbar das Wort „Neu“ davor steht. Immer sichtbar die Uhrzeit in der Startleiste. Die Zahlen verändern sich umso seltener, je öfter du darauf schaust.

Dein Kollege gegenüber macht Tippgeräusche auf seiner Tastatur und sagt etwas zu dir. Zumindest denkst du für einen kurzen Moment, dass er ein Gespräch beginnt. Doch ein Blick verrät, dass er ins Telefon spricht. Eine Fliege liegt bewegungslos auf dem Fensterbrett. Die hat für heute bereits genug getan. Du breitest deine Flügel aus und fliegst durch das Fenster über die Autos hinweg ins Paradies. Ein weiterer Tagtraum.

Der Kaffee ist kalt und schmeckt wie kalter Kaffee schmeckt. Du hörst ein Klingeln, willst an die Tür gehen, doch dein Kollege ist schneller. Der Paketbote ist an der Tür, abgehetzt. Zack, zack, schnell hier unterschreiben. Dein Schreibtisch sieht tipptopp aus. Du hast ihn vorhin aufgeräumt. Laut der Uhr in der Menüleiste ist seitdem erst eine viertel Stunde vergangen.

Webseiten öffnen. Uninteressante Nachrichten. E-Mails abrufen, keine neuen Nachrichten. Nicht mal ein Newsletter. Der Spamfilter ist fleißig. Die Autos unten bewegen sich in müden Schritten.
Du überlegst an deinem Hobbyprojekt zu arbeiten. Die Computermaus steuert den Mauszeiger langsam Richtung Menüleiste.

Dein Blick wandert wieder auf die Fliege.  Sie ruht sich immer noch aus. Wahrscheinlich ist sie tot. Ja, sie ist hier gestorben. Das musst du wohl zugeben. Sie ist hier gestorben. Aus Langeweile.
Noch ein Schluck vom kalten Kaffee, der wie kalter Kaffee schmeckt.
Du nimmst einen Kugelschreiber und schiebst damit die Fliege in den Mülleimer. Die stört das gar nicht.

Elmar Tannert: Blick aus dem Fenster

Paul nahm einen Schluck aus der Bierflasche.

„Weißt du, was ich mich manchmal frag?“

Kalle, sein Banknachbar in der kleinen Grünanlage, wußte nicht, was Paul sich manchmal fragte. Er hätte also einfach „nöö“ sagen und seinerseits einen Schluck Bier nehmen können. Aber er wollte Paul nicht verstimmen.
Also erkundigte er sich teilnehmend: „Was fragst du dich denn manchmal?“

Paul leitete seine Antwort mit einer stummen Kopfbewegung zum Mietshaus ein, das auf die Grünanlage blickte.

„Der Typ da oben“, sagte er schließlich.“

„Du meinst den im zweiten Stock, der aus dem Fenster schaut?“

„Genau den. Ist ja sonst niemand da.“

Paul nickte zufrieden wie ein Lehrer, der seinem Schüler zu einer wichtigen Erkenntnis verholfen hat, so daß Kalle kaum noch wagte, die Folgefrage zu stellen, die zwangsläufig lauten mußte:

„Und was ist mit dem?“

Es dauerte eine Weile, begleitet von zwei Bieren, bis Paul seinem Freund Kalle klargemacht hatte, daß der Typ am Fenster im Prinzip immer aus dem Fenster hinausgucke. Kalle wandte ein, daß sie gar nicht wissen könnten, ob er wirklich immer gucke, da sie ja nicht immer da seien, aber Paul meinte, der Typ gucke doch jedes Mal aus dem Fenster, wenn sie sich der Grünanlage näherten, und gucke immer noch, wenn sie sie wieder verließen. Man könne also mutmaßen, daß der Typ praktisch immer aus dem Fenster gucke.

„Ich frag mich bloß“, schloß er seine Betrachtung, „wieso machen Menschen sowas?“

„Ist doch nicht so schlimm, was der macht“, beschwichtigte Kalle. „Dem ist halt einfach langweilig.“

„Langweilig“, schnaubte Paul, „dann soll er gefälligst fernsehgucken, anstatt uns auszuspionieren!“

Kalle meinte, daß es bei ihnen nicht allzu viel auszuspionieren gäbe, und packte seine psychologischen Kenntnisse aus, die sich zum größten Teil auf gelebte Erfahrungen stützten.

„Manche Leute wollen einfach nicht mitmachen, sondern gucken lieber bloß zu. Das kenn ich schon aus der Kindheit. Meine Mutter hat mir immer erzählt, daß die Kinderärztin ihr empfohlen hat, sie soll mich zu einer Gymnastikgruppe anmelden. Aber da hab ich den anderen Kindern immer bloß zugeguckt, wie sie rumhüpfen, und bin in meiner Ecke geblieben. Und so ging‘s weiter. Ich sollte nie machen, was die anderen machen. Aber andererseits ist mir auch nix besseres eingefallen. Also hab ich halt einfach nix gemacht. Vielleicht ging‘s dem am Fenster sein Leben lang genauso. Außerdem – kann ja sein, daß er im Rollstuhl sitzt, und wir sind seine einzige Abwechslung.“

Paul widersprach vehement.

„Völliger Quatsch. Ich sag‘s dir, solche Typen, die immer am Fenster rumlungern, haben einen hochgradigen Kontrollzwang. Die wollen immer alles im Blick haben. Und selber machen sie nix, weil sie nämlich glauben, daß alle anderen genauso ticken wie sie. Aber sie wollen sich um keinen Preis selber kontrollieren lassen. Deshalb machen sie lieber gar nichts. Verstehst du, was ich meine? Schau dir doch mal an, was der für nen Kontrollblick drauf hat! Der wartet doch bloß darauf, daß irgendeiner irgendwas anstellt, was ihm nicht paßt.“

„Ist aber gar keiner da außer uns.“

„Also wird er so lang aus dem Fenster gucken, bis wir irgendwas anstellen.“

„Da kann er aber gucken, bis er schwarz wird“, meinte Kalle.
Dann kam er ins Grübeln.
„Obwohl … andererseits … je länger ich den so seh, um so mehr krieg ich Lust, wirklich irgendeinen Scheiß zu machen. Zum Beispiel … ich weiß auch nicht … ich glaub, den Abfalleimer da abfackeln. Das wär‘s jetzt.“

„Gib dir nicht so viel Mühe. Solchen Leuten reicht es schon, wenn du ne Pfandflasche in den Altglascontainer wirfst.“

Kalle mußte lachen. Dann setzte er noch eins drauf.
„Womöglich noch ne Braunglaspfandflasche in den Grünglascontainer!“

Paul sah auf die Uhr.
„Und das dann auch noch nach 19 Uhr! Hopp, trink aus und schmeiß die Flasche rein!“

Kalle setzte die Bierflasche an. Setzte sie wieder ab und prustete los.
„Braunglaspfand nach 19 Uhr ins Grünglas!“ wieherte er. „Ob er dann die Polizei ruft?“

„Garantiert. – Noch besser wäre, du würdest noch was drinlassen in der Flasche. Nicht komplett geleert in den Container! Da kommst du gleich in U-Haft!“

Kalle wollte sich ausschütten vor Lachen. Paul versuchte, ihm die halbvolle Flasche zu entwinden. „Gib her! Die schmeiß ich jetzt ins Altglas!“

Kalle hielt sie eisern fest.
„Reicht schon, wenn das Pfand weg ist“, meinte er. „Aber das Bier wird gerettet!“

Er setzte die Flasche an. Während er trank, überfiel ihn ein weiterer Lachanfall. Das Bier geriet in falsche Kanäle. Kalle röchelte. Kalle japste. Lief blau an. Kippte zur Seite.

„Heee!“ schrie Paul nach oben. „Rufen Sie die Sanitäter! Schnell!“

Der Mann im zweiten Stock zog sich zurück und schloß das Fenster.

„Na?“ bemerkte seine Frau beiläufig, „da draußen wird doch nicht mal was passiert sein?“

„Klar doch“, sagte der Mann und öffnete sich eine Flasche Bier. „Man muß nur lang genug gucken. Dann passiert auch was.“

Michael Schmidt: Workaholic

Die von der Sucht droben werden mit der Corona viel zu tun kriegen. Haben ja alle jetzt viel genug Zeit gehabt, um daheim zu hocken und eine Flasche nach der anderen runterzulassen. Im Neudeutschen: Home Office. Und da läuft’s halt umso geschmierter, wenn die Promille stimmt. Und der Chef wundert sich, warum auf einmal sämtliche Mitarbeiter, die vorher kein Wort herausgebracht haben, mit Schnapsideen kommen, als ob sie der Daniel Düsentrieb selber wären. So manch einer hat in der Zeit sogar ein Buch geschrieben und veröffentlicht. Unser Nachbar ja auch. Letzt‘s Mal im Supermarkt hab ich ihn drauf angesprochen. Sagt er, er sagt’s mir ganz ehrlich: Er tät gar nicht mehr wissen, worum’s in seinem Buch eigentlich geht. Aber signiert hat er mir’s trotzdem noch spontan. Dafür hab ich ihm auch die Flasche Korn übernommen. Sag ich: Legen Sie die einfach bei mir auf’s Kassenband. Das war ja das Mindeste, wie ich mich bei dem Mann hab bedanken können. Und dann ist er wieder zu sich heim. Hat ja wieder ins Home Office müssen. Aber ich denk, irgendwann muss auch der hinauf in die Sucht. Und dann ist’s nicht mehr lustig. Aber schämen muss man sich deswegen heutzutags nicht mehr. Gibt ja lauter prominente Beispiele, wer schon alles in der Sucht war. Sogar der Professor Wuiser hat mal eine Therapie gemacht. Bei den anonymen Workaholikern. Und da hat der Therapeut gesagt, dass es gut wär, wenn sich der Herr Wuiser mal Zeit nimmt und hinsetzt und in sich geht und zusammenschreibt, wie es ihm als Workaholic so geht. Am Anfang ist ihm gar nichts dazu eingefallen, weil ja ein Workaholic gar nicht groß darüber nachdenkt, was er so den ganzen tag tut. Und dann ist es doch geflossen. Das bringt er jetzt auch als Buch heraus: „Die Kulturgeschichte des Workaholismus.“
In acht Bänden und im Schuber.

Elmar Tannert: Innerer Monolog eines Kaffeetrinkers

… jeden Abend dasselbe … ich bin so müde … aber ich kann nicht schlafen … nicht einschlafen … das kommt vom Kaffee … nein, das kommt nicht vom Kaffee … Kaffee trink ich nur in der Früh … den brauch ich … sonst komm ich nicht in die Gänge … heute früh war ich so müde … viel zu wenig geschlafen … und dann um sieben aufstehen … das geht nicht ohne Kaffee … zwei Tassen … schwarz … aber das reicht dann auch … erstmal … dann komm ich ins Büro … und im Büro läuft immer die Kaffeemaschine … irgendjemand schaltet die immer ein … Frau Kramer schaltet die immer ein … dabei trinkt die daheim auch schon Kaffee … genau wie die anderen … aber trotzdem macht sie immer Kaffee für alle … und dann bietet sie ihren Káffe* an … Káffe sagt die immer … dieses Káffemonster … dabei heißt das Kaffée … und ich sag jedes Mal „ja“ … warum sag ich jedes Mal „ja“? … mir reichen meine zwei Tassen Kaffee am Morgen … aber ich kann den anderen einfach nicht beim Káffetrinken zusehen … jetzt sag ich selber schon Káffe statt Kaffée … Kaffée heißt das … morgen werd ich sagen, ich nehm koffeinfreien … nein, das mach ich nicht … sonst denken alle, ich bin herzkrank … und außerdem, ohne Koffein hat der Kaffee gar keinen Sinn … dann braucht man überhaupt keinen Kaffee trinken … ohne Koffein hat der Kaffee keinen Sinn … da gibt’s doch ein Lied … “was hat der Kaffee für an Sinn ohne Koffein“ … das singt irgendein Österreicher … Peter Alexander … Quatsch, der war‘s nicht … aber ein Österreicher war‘s … nein, der Franz Morak auch nicht … aber natürlich ein Österreicher … die trinken dauernd Kaffee … aber das merken die gar nicht … weil die immer Melange bestellen … und Einspänner … Franziskaner … kleine Braune … große Braune … a Schalerl Gold … aber Kaffee bestellen die nicht … deswegen können die Österreicher ruhig schlafen … aber ich kann nicht schlafen, weil ich kein Österreicher bin … dabei trink ich Kaffee nur am Vormittag … ab Mittag trink ich keinen Kaffee mehr … bloß einen Cappuccino nach dem Essen … mit viel Milch … sonst kann ich nicht schlafen … ich schlaf eh immer so schlecht in letzter Zeit … immer Termine … Termine jeden Tag … alle sind so hektisch den ganzen Tag … das kommt vom Kaffee … nein … das kommt nicht vom Káffe … heißt das jetzt Káffe oder Kaffee? … egal … ich kann nicht schlafen … der Kaffee am frühen Abend … der ist gefährlich … egal, ob er Káffe oder Kaffee heißt … aber ich hab am Abend gar keinen Kaffee getrunken … bloß einen Latte Macchiato … das ist gar kein richtiger Kaffee … aber einen Kaffee trinken und dann gleich ins Bett … das geht … da merkt man nichts … hab ich schon öfter gehört … ja … das probier ich jetzt aus … ich steh nochmal auf … und mach mir einen Kaffee …

Elmar Tannert: Die große Stunde

Da stehen sie am Tresen vom Pik-As und warten auf ihre große Stunde: Weizen-Willi, Jehova-Michel, Bauch-Peter und Tschechen-Paul.

Paul besucht seit Jahren einen Tschechischkurs an der Volkshochschule. Damit trainiert er seine Zungenfertigkeit, denn Tschechisch verfügt nicht nur über eine Reihe höchst differenzierter Zischlaute, sondern gilt zudem als die vokalärmste Sprache Europas. „Man kann im Tschechischen Sätze bilden“, doziert Paul gerne, „die kommen ganz ohne Vokale aus. Wißt ihr zum Beispiel, was auf tschechisch heißt …“

„… ’steck deinen Finger durch den Hals‘?“ rufen Weizen-Willi, Jehova-Michel und Bauch-Peter im Chor, und Tschechen-Paul hebt sein Glas und ruft: „Strč prst skrz krk!“

Das rechte Rücklicht an seinem Wagen ist chronisch defekt. Das ist Absicht, denn Pauls Vision von seiner großen Stunde sieht so aus: Eines Nachts wird ihn die Polizei anhalten, um ihn auf das defekte Rücklicht hinzuweisen, und er wird sagen: „Kein Problem, ich hab immer ein Ersatzlämpchen im Handschuhfach – und der Kreuzschlitzschraubenzieher liegt gleich daneben!“ Und er wird das Wort „Kreuzschlitzschraubenzieher“ dank jahrelanger Zischlautübungen noch mit 3 Promille im Blut so vollendet artikulieren, daß die Polizisten einen etwaigen Verdacht auf Trunkenheit am Steuer sofort verwerfen werden.

Bauch-Peter hingegen nimmt seit Jahren Ballettunterricht. Deshalb läßt er es sich nicht nehmen, mit dem Auto ins Pik-As zu kommen, obwohl er gleich um die Ecke wohnt, denn Bewegung, sagt er, hat er zweimal die Woche im Ballett genug. Ihn haben sie einmal, es ist schon Jahre her, auf dem Strich entlanggehen lassen. Danach war der Schein ein halbes Jahr weg. Im Pik-As führt der Bauch-Peter immer wieder mit Hingabe seine große Stunde vor.

„Zieht einen Strich auf dem Boden! Aber schnurgerade! Und noch einen Hörnerwhisky für alle!“

Das lassen sich die anderen nicht zweimal sagen. Eine Wäscheleine wird knapp über dem Boden von Barhocker zu Barhocker gespannt, ein Kreidestrich wird daran entlanggezogen, und Bauch-Peter wieselt nicht nur exakt auf dem Strich auf und ab, sondern dreht auch nach dem zehnten Landbier noch anmutige Figuren dazu. Das soll ihm ein nüchterner Polizist erst einmal nachmachen …

Der Jehova-Michel wiederum nimmt den netten älteren Damen in der Fußgängerzone regelmäßig die neuesten Ausgaben von „Wachtturm“ und „Erwachet!“ ab und deponiert die Traktate gut sichtbar auf dem Beifahrersitz.

„Michel, mach uns den Prediger!“ ruft die Gesellschaft, wenn der Gesprächsstoff auszugehen droht. Dann stellt er sich auf einen umgedrehten Bierkasten, spricht über den menschlichen Leib als den Tempel Gottes und wettert gegen Alkohol- und Nikotinmißbrauch, bis seine Zechkumpane röchelnd und wiehernd von den Barhockern gleiten.

Auch er träumt von seiner großen Stunde. Er wird den Polizisten mit dem Führerschein eine religiöse Schrift in die Hand drücken und sie fragen, wie sie es mit Gottes Wort halten, und ob er sie einladen darf in den Königreichssaal zum Bibelstudium, und da werden sie, meint er, erstens schleunigst das Weite suchen und ihn zweitens für völlig unverdächtig halten – vorausgesetzt, er hat sein Atemgold-Bonbon im Mund.

Und der Weizen-Willi? Der steigt, wenn die Polizeistunde geschlagen hat, mit einer Sanitäterweste am Leib ins Auto und ist über kulturelle wie sportliche Großveranstaltungen stets informiert. „Na, Kollegen?“ wird er also im Fall des Falles ungefähr sagen, „auch noch Volksfesteinsatz gehabt?“

Seine Erste-Hilfe-Kenntnisse frischt er natürlich regelmäßig auf, denn jeder weiß ja, daß es auf der Welt die merkwürdigsten Zufälle gibt, und wie oft passiert genau das, was nicht passieren soll. Falls also einer der Polizisten während der Kontrolle einen Kreislaufzusammenbruch haben sollte, dann ist der Weizen-Willi auch nach einem Dutzend Hefeweizen und mehreren Sechsämter-Runden noch imstande, den Freund und Helfer qualifiziert zu betreuen. Die Tresenbesatzung weiß das zu schätzen, denn der Weizen-Willi hat noch jeden Trinker im Notfall so weit wiederhergestellt, daß er aus eigener Kraft sein Auto erreicht hat, und wenn es auf allen vieren war.

„Laßt euch nicht unterkriegen, Jungs!“ sagt Walter, der Wirt vom Pik-As, zum Abschied. „Denkt immer dran: Die Säule der Sicherheit im Straßenverkehr seid ihr!“

Walter liest regelmäßig Zeitung, und die veröffentlichten Statistiken, findet er, sprechen eine eindeutige Sprache: 2,5 Prozent aller Verkehrsunfälle, heißt es, werden von Betrunkenen verursacht. Mit anderen Worten: Die 97,5 Prozent Nüchternen sind es, die wie die Wahnsinnigen fahren.

Andii Weber: Es braucht nur ein paar Rosen, um einen ganzen Staat zu zersetzen

Napoleon Bonaparte im Spiegelgespräch

Napoleon Bonaparte, Kultmegaloman in kleiner Uniform, sitzt in einer Hollywoodschaukel auf seiner Terasse. Seit seiner Niederlage bei Waterloo hat man ihn nicht mehr so entschleunigt gesehen. Er scheint in Gedanken versunken, in seinem Gesicht zuckt kein Muskel. Nur wenn er einen Schluck aus der halben Kokusnuss mit Strohalm nimmt, die ihn sein Familienminister vor dem Gespräch bereitgestellt hat, verzieht sich seine Miene: Es scheint nicht zu schmecken. Die Stille von St.Helena, einer kleinen Insel im Pazifik, scheint Napoleon geradezu zur Ruhe zu verdammen. Doch innerlich lodert seine Flamme weiter, wie er uns im Interview verrät. Ein Gespräch über Abgeschiedenheit, Gartenarbeit, die Fragilität von Macht und über Punk.

SPIEGEL: Herr Bonaparte, dies sind schwierige Zeiten, Ich habe schon viele Interviews geführt, aber dies ist das erste, bei dem ich eineinhalb Meter abstand halten muss.

Napoleon: Ja, schwierige Zeiten in der Tat, schwierige Zeiten. (blickt verträumt auf die Vulkanspitzen)

SPIEGEL: Aber ich möchte mich trotzdem ganz herzlich bedanken, dass sie sich die Zeit für uns genommen haben.

Napoleon: (lacht scharf und ironisch auf) Ja, bitteschön. Ich habe momentan eigentlich recht viel Zeit …

SPIEGEL: Danke

Napoleon: Ja, bitte.

SPIEGEL: Dankeschön, wirklich. das ist sehr … lieb.

Napoleon: Ja, zum Henker, bitteschön!

SPIEGEL: Danke! Sie sind ja schon einige Jahre hier in der Verbannung auf St. Helena. Was können wir als freie Europäer denn von Ihnen als unfreien Ex-Europäer lernen?

Napoleon: Wenn sie mich so fragen: Nichts.

SPIEGEL: Aber sie müssten doch der absolute Grand Expert in sachen Isolation sein. Wie halten sie es aus so ganz ab vom Weltgeschehen?

Napoleon: Sie sagen das mit so einem Unterton, das gefällt mir gar nicht!

SPIEGEL: Was meinen Sie?

Napoleon: Na das mit dem Grand Expert in Sachen Isolation. Sie wissen schon, das ich immernoch der Grand Impereur bin oder?

SPIEGEL: Ach so?

Napoleon: Natürlich! Zugegeben, mein Reich hat sich etwas verkleinert. Ich herrsche hier mit allem Pipapo und sogar Hofstaat über meinen Garten.

SPIEGEL: Ihren Garten?

Napoleon. Das hat mein Arzt empfohlen: Herr Empereur, hat er gesagt, gehen sie doch mal in den Garten und schneiden sie Rosen und Hibiskusblüten ab; Das hilft gegen die Langeweile und die Gicht. Ja, und das habe ich dann gemacht. Zuerst war das auch ganz fabelhaft: Ich habe diese stacheligen Blumen ganz herrlich gezähmt und mir unterworfen. Doch dieses Drecksgestrüpp ist einfach immer nachgewachsen! Sie müssen wissen, mein Garten ist sehr groß …

SPIEGEL: Lassen Sie mich da mal kritisch einhaken: Wie groß genau?

Napoleon: So groß (Napoleon zieht seine Hand aus seiner Hose und macht eine ausladende Bewegung).

SPIEGEL: Hat es eigentlich einen Grund, dass sie die Hand nicht mehr im Revers tragen, sondern in der Hose?

Napoleon: Hä?

SPIEGEL: Fahren sie fort!

Napoleon: Also die Rosenscheiße wuchs immer wieder nach und so befahl ich meinem Koch, dass er jeden Tag genau einen Daumen dick abschneiden solle von allen Rosen.

SPIEGEL: Ein solider Plan, wie mir scheint …

Napoleon: RUHE! Damit fing der Mist ja gerade erst an! Mein Koch war den ganzen Tag am Rosenschnibbeln. Denn wie ich bereits erwähnte, ist mein garten sooo … egal. Seine eigentlichen Schnibbelpflichten, die in der Küche nämlich, vernachlässigte er also sträflich. Was natürlich unverzeihlich ist.

SPIEGEL: Ja, und dann?

Napoleon. Naja dann habe ich meinen Innenminister zum Kochen geschickt, und meinen Arzt zum Koch in den Garten zum Rosenschnibbeln. Dadurch ist aber zum einen eine Vakanz im Innenministerium entstanden die ich umgehend mit dem Minister für Digitales und Infrastruktur auffüllen musste und meinen zweiten General, eine Schnarchnase vor dem Herrn übrigens, habe ich beordert, meine täglichen Arztvisiten abzuhalten.

SPIEGEL: Interessant …

Napoleon: Ich bin noch nicht fertig! Durch diese Rochaden entstand in meinem (macht ein verächtliches Gesicht) “Parlament” ein Machtvakuum und löste eine kleine Regierungskrise aus. Und jetzt habe ich Rosen mit perfekten Blutwerten und einen 5G-Funkturm in meinem Wohnzimmer und muss mir bei jeder Arztvisite anhören, dass es das beste gegen meine Gicht wäre, wenn ich mir beide Beine amputieren ließe.

Sie sehen an diesem Beispiel, wie fragil Macht ist: Es braucht nur ein paar Rosen, um einen ganzen Staat zu zersetzen. Diese Engländer können ihnen davon ein Liedchen singen.

SPIEGEL: Es scheint mir so, als würde ihnen nicht langweilig werden, trotz der Verbannung in die absolute Abgeschiedenheit.

Napoleon: Was reden sie da? Es ist dermaßen fade. Ich möchte etwas singen!

SPIEGEL: Aber …

Napoleon: I’m so bored with St.Helen
I’m so bored with St.Helen
But what can I do?

SPIEGEL: Sind sie ein Punk, Herr Bonaparte?

Napoleon: Was erlauben sie sich?

SPIEGEL: Entschuldigung, dumme Frage.

Napoleon: Ja.

Spiegel. Verzeihung.

Napoleon. Schon gut.

SPIEGEL: Anders gefragt: Rosenschneiden, Regierungsgeschäfte, Arztvisiten. Bleibt da überhaupt noch Zeit, die Stille von St.Helena zu genießen?

Napoleon. Was ist denn das nun wieder für eine Frage? Was meinen sie, warum ich das alles mache? Meinen sie wohl, ich wäre hier zum Spaß? Ich schlage hier meine letzte Schlacht. Die schlacht gegen die Langeweile, die Stille. Also möchte ich durchaus sagen, dass ich erfolgreich bin, trotz der ganzen Amateure um mich herum. Entourage, entourage! ich kann es nicht mehr hören! Wuseln ständig in meinem schönen Garten herum und bringen alles durcheinander.

SPIEGEL: Wie lebt es sich denn so im Hause Bonaparte im Südatlantik?

Napoleon: Naja, ich habe einen sehr großen Hut und ein sehr kleines Bett. daneben versuche ich meine Memoiren zu schreiben. Und von wegen Abgeschiedenheit! Ganz im Gegenteil: Sie wissen ja gar nicht wie viele Touristen Täglich, stündlich versuchen in mein Anwesen zu gelangen, um mich zu begaffen. Das ist die eigentliche Demütigung: Die Romantisiereung meiner Abgeschiedenheit durch dahergelaufene Taugenichtse, die mir beim verschimmeln zuschauen wollen. PACK!

Und so versuche ich mich noch weiter zurückzuziehen: Ich gehe nur noch aus dem Hause, wenn es gar nicht anders geht. Und eigentlich geht es immer anders. Man braucht halt nur einen funktionierenden Hofstaat, dann kann man auch zu hause bleiben.

SPIEGEL: Viele Menschen, die momentan in Isolation leben, würden dem vielleicht entgegenen, dass sie keinen funktionierenden Hofstaat zu Hause haben. Haben sie den Realitätsbezug verloren, Herr Bonaparte?

Napoleon: Nein.

Michael Schmidt: Wuiser und die Ausgangsbeschränkung

Ja, das mit dieser Ausgangssache tut keinem von uns so richtig gut. Trotzdem gibt’s Leut, die damit besser umgehen können als andere. Die sehen dann das alles dann viel gelassener.

Das muss noch angeblich von den Genen herkommen. Von den menschlichen Genen her. Von der Eiszeit. Da haben die Leut ja auch eine Zeit lang nicht von der Höhle rausgekonnt, wenn der Gletscher die erst mal zugeschoben hat. Die haben dann halt abwarten müssen, bis der Gletscher wieder weggetaut war. Freilich, ein, zwei Mammuts hat da auch jeder im Vorrat gehabt. Oder ein Riesenfaultier. Was halt gerade da war. Was man am Wasserloch halt noch so alles vorgefunden hat, wenn nicht die anderen Höhlenmenschen schon dagewesen war’n und alles weggeschnappt haben. Da hat man auch schnell sein müssen. Weil einen Kadaver oder ein Aas hat keiner gern genommen.

Jäger und Sammler, sagen die Forscher dazu. „Der Mensch, ein Jäger und Sammler“. Und weil das so lange gegangen ist, hat sich das Ganze dann halt in die Gene abgesetzt. Ja, freilich, das sieht man heute noch! Hat man die letzten Wochen ja gut wieder im Supermarkt gesehen. Hat man gut beobachten können: Tagsüber warn sie noch im Home Office, und am Abend dann sind alle zu Jäger und Sammler geworden. Das ist der Instinkt, der sich da einschaltet. Dann legen alle den Jäger- und Sammler-Turbo ein. Bloß, dass man heut noch an der Supermarktkasse vorbeimuss, bevor man die Beute heimbekommt. In der Eiszeit war das dann so was wie ein zugefrorener Felsspalt. Da haben sie dann auch alle so komische Laute gemacht. Das kann man heute noch an der Supermarktkasse hören, diese unheimlichen Urlaute. Wie sie mit der Beute dastehen und warten müssen, bevor sie sich damit davonmachen können.

Wie damals am zugefrorenen Felsspalt. Da hat sich nichts groß geändert. Das kann Ihnen der Herr Wuiser auch bestätigen.

Der Professor Wuiser steht die Tage nämlich öfters neben der Supermarktkasse und nimmt da mit dem Tonbandgerät auf. Ganz hervorragende Urlaute. Und wenn er zu den Leuten sagt, dass er von ihnen einen solchen Urlaut braucht, weil er ein Forscher ist, dann kriegt der den auch prompt. Und wenn er Glück hat, sogar gleich mehrere. Weil das ist eine wunderbare Gelegenheit, dass man einmal die echten Urlaute hören und aufnehmen kann, hat der Professor Wuiser gesagt und, dass wir darum heut eigentlich in einer ganz ertragreichen Zeit leben täten.“

Lily Schuster: Traum

Stefan: „Was liegt dir denn auf dem Herzen, was du mir mitten in der Nacht erzählen musst?“

Sie: „Ich gebe in diese hochmoderne Suchmaschine namens „Google“ die Buchstaben -T-r-a-m- Definition ein.

-Enter-… Straßenbahn, hä? Straßenbahn?

Achsooo, vertippt!

-Löschtaste- u- m- Definition-Enter-. Na also.. hammas jetzt?

Erstens: im Schlaf auftretende Abfolge von Vorstellungen, Bildern, Ereignissen, Erlebnissen.

Beispiel: „ein schöner, seltsamer Traum“

Zweite Definition ist unterteilt in zweitens a und zweitens b.

Zweitens a: sehnlicher, unerfüllter Wunsch.

Beispiel: „Der Traum vom Glück“

Zweitens b: etwas traumhaft schönes, Person; Sache, die wie die Erfüllung geheimer Wünsche erscheint.

Beispiel: „Das ist ja ein Traum von einem Haus.“

Sie: „Als ob ich nicht wüsste was ein Traum ist, Stefan . Ich träume jede Nacht und jeden Tag.

Stefan: „Hattest du schonwieder einen deiner Albträume?“

Sie: „Zum Beispiel träume ich in meinem Traum von einem Traum in dem ich träume, Träume wahrwerden zu lassen.“

Stefan: „Ist alles gut bei dir?“

Sie: „Träume wie… mir den roséfarbenen, von kleinen Diamanten, umgebenen Ring zu kaufen, den ich so oft in diesem Schaufenster um die Ecke liegen sehe.

Stefan: „Sag doch einfach, dass du heiraten willst.“

Sie, genervt von allem: „Oder wie… einfach mal mein Hinterteil von der Couch heben, mich Richtung Zimmer bewegen, den Schrank öffnen, die Matte rausholen, auf den Boden legen, Musik am Handy anmachen und einfach Sport treiben, damit ich mich wohl fühle in meiner Haut und gesund sowie fit bleibe.“

Stefan, genervt von ihr: „Gleich so theatralisch.“

Sie, kurz vorm Nervenzusammenbruch: „Oder… es auch mal zu schaffen PÜNKTLICH aus dem Haus zugehen, ohne vorher fünf Wecker gestellt zu haben. Der eine klingelt, wenn ich aufstehen muss. Der zweite, wann ich aus dem Bad raus sein muss, der dritte gibt mir dann an, dass ich jetzt fertig mit Frühstücken sein sollte und auch schon mit dem Hund Gassi gewesen sein sollte. Dann gibt es da desWeiteren den vierten Wecker, welcher so nett ist und mir sagt, wann der richtige Zeitpunkt zum Anziehen ist. Der fünfte ist dann logischerweise jener, der mich zur Tür bittet.“

Stefan: „Du hast ja Probleme!“

Sie, wieder etwas beruhigt und traurig: „Ganz abgesehen von den Träumen nach Zärtlichkeit. Nach Liebe und abends nicht alleine den Film anzuschauen. Der auch mal kocht, den Haushalt macht und gemeinsam mit mir weint und lacht. Also so was wie „Der Traum vom Mann“

Stefan schweigt

Sie: „Ach ja! Selbstverständlich ist die Welt in meinen Träumen glücklich und DAS ÜBERALL auf diesem Planeten. Sie ist bunt und harmonisch, nicht einfarbig und kalt. Sie wird bewohnt und belebt von Wesen, die es schätzen dort zu sein und alles dafür tun, dass es noch lange ein solch wertvolles Etwas gibt. Wo jeder und jede die Chance hat zu träumen und die Träume erfüllen zu können. Zumindest die meisten.

Stefan, indem er sie Finger auf den Tisch klopft: „Mmmh.“

Sie: „Erfolg spielt auch eine große Rolle in meiner Utopie*. Ich will es schaffen selbstständig zu sein, in dem was ich tue um erfolgreich zu sein. Mich ins Zeug legen und anstrengen. Nicht ständig mein Glück vor mich herschieben und darauf warten, dass es mir aus dem Nichts in die Arme fällt. Glück haben mit den richtigen Menschen am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein. Oder eben den richtigen Zeitpunkt für sich an seinem richtigen Ort erschaffen. In der Realität und nicht im Traum!“

Stefan flüstert fragend vor sich hin: „ Mit den richtigen Menschen am richtigen Zeitpunkt zur richtigen… was?!“

Sie: „In meiner -mehr als nur- Kopfgeburt* gehe ich selbstbewusst durchs Leben, mache mir keine Gedanken darüber, was andere über mich und mein Outfit denken. Ich tanze in der Disco für mich und nicht für die, die sich dort aufhaltenden eventuell in Frage kommenden, zukünftigen Traummänner. Ich esse nur so viel bis ich keinen Hunger mehr habe und nicht noch sieben Portionen mehr, weil es halt wieder so lecker schmeckt. Ich bin konzentriert auf mein Wohl und vergesse dabei nicht das Wohlbefinden meiner Freunde und das, der Familie. Mit denen ich übrigens nie Streit habe und wenn, ich mich sehr schnell wieder versöhne. Denen es allen gut geht und auch niemals schlecht.Die auf keinen Fall krank werden im Alter und unter Schmerzen sterben. Zwischen jenen und mir stetig ein großartiger Kontakt besteht, der für immer bleibt. Wunderschöne Haare an dem Tag meines ersten Dates. Schöne Nägel, stressfreies pünktliches Losgehen OHNE meine klingelnden fünf Schätze. Wohlfühlen in meiner eigenen Haut.“

Stefan, versucht sie ernst zu nehmen: „Und was machst du, damit sich deine Träume erfüllen?“

Sie: „Den Mund mache ich auf und sage „NEIN“. Wenn ich das nicht will. Wenn ich nicht will, dass mirder eventuell in Frage kommende zukünftige Traummann, mit dem ich mein erstes langersehntes Date unter einer leuchtenden Lichterkette im leicht schwenkendem Boot auf dem Meer habe, mir unter den Rock fassen möchte. Nein! Zu mir selbst, wenn ich mal wieder auf der Couch hocke, Frust in mich rein fresse, anstatt meinen verf..„Piiiip“..rsch anzuheben und sportlich zu sein. Nein zu all dem, was mir in der Realität aufgeschwatzt wird und mir nicht gut tut.“, sagt sie voller Elan und zugleich aufbrausend. [immer energischer werdend:] Und JA. Ja, den Mut zu haben, mir den Ring aus dem Schaufenster um die Ecke zu kaufen. Mir zuzutrauen, dass ich rechtzeitig aus dem Haus komme. Ja zu mir, wenn ich vor dem Spiegel stehe und mir in die Augen schau. Ja zu denen, die mein Nein nicht kapiert haben: JA, du hast recht, ich habe gerade NEIN gesagt. Und „DOCH“ zu allen, die behaupten, dass Träume nicht wahrwerden können. Denn das sind verträumte, die ihren Träumen nicht einmal die Chance geben, geträumt zu werden.“

Stefan schaut sie verwirrt an und fragt: „Aber was ist, wenn sich alle meine Träume erfüllt haben?“

Sie: „Dann TRÄUM WEITER!“

Stefan ängstlich: „Wann, hast du nochmal gesagt, ist dein Psychologe vom Urlaub wieder zurück?“

Benjamin Weissinger: Pflaumen

Musikalienhandel, später Nachmittag kurz vor Ladenschluss

„Guten Tag!“
„Guten Tag! Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Och… ich schau mich erstmal ein bisschen um“
„Gerne 🙂 wir schließen zwar um 18 Uhr, aber ein paar Minuten haben sie ja noch 🙂 „
„Oh. Dann…komme ich doch lieber gleich zur Sache. Schauen Sie mal hier, was ich in meiner Tasche habe“
„…was ist das? Pflaumen!?“
„Eine Dose eingelegte Pflaumen. Sie fragen sich jetzt sicher, was ich damit in einem Musikladen möchte.“
„Ja, da bin ich gespannt.“
„Und zwar würde ich da 50 Euro für haben wollen. Aber wir können auch noch handeln.“
„Ich glaube ich verstehe nicht. Also wir…. „
„45!“
„Nein, also wir kaufen hier generell nichts an. Also noch nicht mal Instrumente oder Noten. Aber Konserven garnicht.“
„[wird ernst]…na gut, 40.“
„Ehm…es tut mir wirklich leid, aber ich kaufe ihnen diese Dose Pflaumen definitiv nicht ab!“
„… und das ist ihr letztes Wort?!“
„Ja, leider. Wir schließen jetzt auch.“
„[guckt auf die Uhr]…wir haben 17:57…drei Minuten habe ich noch“
„Das ist richtig, aber wenn sie…“
„Schauen sie mal. Ich öffne die Dose mit einem Dosenöffner, den ich dabei habe“
„Nein, bitte…“
„Warten sie es ab!“
„Hier drinnen bitte nicht essen.“
„Da, jetzt ist sie auf. Haben sie eine Tuba?“
„Tuba?! Großer Gott, bitte nicht. Jetzt weiß ich, wer sie sind. Wir dachten auf der Berufsschule immer, sie seien eine urban legend. Aber es gibt sie wirklich.“
„Hihihi. Und da hinten sehe ich auch schon die wunderschöne Tuba. Sie hätten mir die Dose abkaufen können, aber jetzt wird die Tuba mit leckeren Pflaumen gefüllt.“
„[rennt um die Pflaumenperson herum und stellt sich schützend vor die Tuba] Nein, das dürfen sie nicht!!!! Ich rufe die Polizei!!!“
„Das können sie gerne machen. Aber die Pflaumen kommen in die Tuba [setzt zum Wurf an]“

„Aaaaaaaaah“
„Oh Gott, Schatz, was ist los?!“
„Scheiße. Ich hatte wieder den Traum mit der Tuba und dem Kunden mit den Pflaumen“
„Hä. Das ist doch erst heute abend passiert. Wieso hast du denn dann schon mehrmals davon geträumt“
„Ich hab heute Nacht schon mehrmals das gleiche geträumt, die ersten Male hast du nicht mitbekommen.“
„Hach Mensch. War es denn so schlimm?“
„Es war diese Hilflosigkeit. Ich konnte nichts machen, stürzte ihm noch entgegen. Aber er muss eine unglaubliche Übung im Werfen von Pflaumendosen in Tubas haben. Voll rein.“
„Das ist nicht deine Schuld. Du konntest nichts machen.“
„Doch. Ich hätte mich sofort an die Geschichten über den Verrückten erinnern können, als er mit der Pflaumendose anfing. Aber erst als er Tuba sagte, klingelte es.“
„Ja, aber was hättest du machen können. Ihn angreifen und sie ihm abnehmen? Wer weiß, wie gefährlich der ist.“
„Ja, aber trotzdem…“
„Vergiss die Sache jetzt. Du weißt doch, der letzte Kunde ist immer der schlimmste. Morgen wird bestimmt ein ruhiger Tag. Und jetzt schlaf weiter.“
„Ich kann das Geräusch nicht vergessen. Dieses Scheppern von Metall auf Metall und dann dieses Glottergeräusch der raussuppenden eingelegten Pflaumen. Und wie er dann zu spielen begann, als wäre nichts geschehen.“
„Er hat auf der Tuba mit den Pflaumen drin gespielt?!?“
„Nein, auf einer unser Violinen. Die Havanaise. Recht gut sogar.“
„Und wann hast du ihn dann endlich rausgeschmissen?!“
„Gar nicht. Mir wurde alles zuviel, hab einfach den Laden hinter ihm abgeschlossen und bin nach Hause gerannt.“
„Er ist noch im Laden?????“
„Nein, er hat mit einer Pauke die Schaufensterscheibe eingeworfen und ist mir wie ein Irrer hinterher…“
„Oh Gott, und dann? Hast du ihn abgehängt?“
„Ja, er war ziemlich schlecht zu Fuß“
„Gott sei Dank. Was für ein scheiß Albtraum.“
„Und das alles morgen dem Chef erklären. Aber es hilft alles nichts, ich versuch noch ein paar Stündchen zu schlafen“
„Ja, genau, mach das. Ich mach uns mal ein bisschen das Fenster auf Kipp, frische Luft tut immer gut.“
(Von unten von der Straße hört man leise die Havanaise)