Das Finale in einem Wettbewerb ist schon eine eigenartige Sache, denn bis dahin haben die Teilnehmer – insbesondere, wenn es nur zwei Gegner sind – alles gegeben, um an diesen Punkt zu gelangen, an dessen Ende es aber nur einen Sieger geben wird.
Die Zuschauer fiebern derweil oft auf dieses Ereignis hin, in der Hoffnung, dass ihr Favorit am Ende den Sieg davontragen wird, und obwohl auch viele für den Underdog sind, interessieren die meisten sich dennoch für die Sieger – das hat sich in all den Jahren nicht geändert, obwohl die Gesellschaft doch vermeintlich objektiver und vor allem wertschätzender der Leistung des Unterlegenen gegenüberstehen sollte.
Doch: Hand aufs Herz – wer außer den Hardcorefans der jeweiligen Wettbewerbe weiß, welches Fußballteam am häufigsten im Finale der Weltmeisterschaft gestanden hat (den Rekordsieger hingegen kennen viele)? Es gibt Tennisspieler beider Geschlechter, die bis zu fünfmal im Endspiel großer Turniere standen, es aber nie gewonnen haben (den Rekordsieger eines der größten Turniere der Welt kennen bestimmt sogar Nicht-Tennisfans vom Namen her). Es gibt ein Football-Team, das vier Jahre hintereinander in den Super Bowl kam, aber keines gewann (aber das Team, das sechsmal in den letzten beiden Jahrzehnten triumphierte, kennt wohl fast jeder).
Finanziell mag es vielleicht sinnvoll sein, in den meisten Wettbewerben möglichst weit zu kommen, doch ist die Niederlage in einem Finale am Ende nicht sogar viel schmerzhafter als eine Niederlage früher im Wettbewerb? Wer erinnert sich – außer wieder die Hardcorefans – an die Number two, den Loser, den Verlierer, den Nichtgewinner – und wie werden diese Fast-aber-doch-nicht-Gewinner am Ende tatsächlich gesehen – in der Retrospektive, wenn sie nicht vorher schon vergessen werden? Wenn der letzte Eindruck viel mehr zählt als all die Heldentaten zuvor?
So sehr sich Menschen den Wettkampf und den Sieger wünschen, weil sie auch Teil des Erfolgs sein wollen, ist die Akzeptanz von Erfolg in zweiter Reihe trotz aller gesellschaftlichen Entwicklungen nicht vereinbar mit dem Streben des Menschen nach Erfolg. Wer gewinnt, hat Recht! Wie wahr dieser Satz doch ist – leider.
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Bastian Kienitz: LIFE IS BUT A DREAM II
ich schloss die Augen, um etwas zu schlafen
am Ufer, wo das Spiegelbild verwischt
war eine Tür, ein Wald und dichter Regen
gelüftet von der Sonne, die durchschien
wie eine Flüsterstimme »Laut« in allem
brach sie mich auf, sodass ich weiterging
bis dieser Rahmen in den Jahren endet
und ich in deinem Pfirsichgarten stehe
Schneesturm Krach Sound Close-up gefühlter Leere
dekonstruiert bis in das Klangdetail
der kalten Wärme zwischen Berg & Höhe
die hinterm Tunnel wartet, wo nichts scheint
als wie ein Tagestraumausflug in Bildern
wach auf! sei mein Begleiter Schmetterling…
Bastian Kienitz: I shot the sheriff
ein Schuss
Ficktion
und der
schräge Klang
einer 9mm
großen
Einschusskerbe
der letzte Halt
hängt wirr in Fetzen
bis der Film zu Ende geht
Bastian Kienitz: GRÄTENWALD
vor uns ein Wald mit scharfen Blätterkronen
Grattage like Raumgitter, Wundgestrüpp
der Grenze oder, was wir dafür halten
die zwischen dir und dem Dahinter steht
das unbewusst Wachsmal den Durchrieb malte
bis auf die blanken Knochen, dem Gerüst
was dich am Tage durch das Blendwerk führte
aus abstrahierten Bildern in 3D
wach auf! die Sonne kitzelt deine Lider
DADA zu einem neuen Bildmotiv
der schräg geformten Seitentriebe
aus Pollenstaub, der Sonne im Fischgrät
die diese Flechtstruktur durchscheinen konnte:
ein Privileg zu werden, der man(n) ist…
Bastian Kienitz – DOBALE | SANKOFA
wenn du nach hinten schaust, sieht man nach vorne
DOBALE | SANKOWA auf grauem Grund
der Gelatine AN verstreuter Farben
die wie ein Geist im Tageslicht verwehen
Leuchtspuren, an dem Rand der Blätter, Zweige
Naturselbstdruck auf immerschwarzem Grund
des Grundes eines Silbenschwermetalles
leitfähig, wie die Dunkelheit der Nacht
sagst du und reibst dich an dem Licht der Strahlen
die ausgesendet deinen Körper streifen
um aus der Dunkelheit MEHRHAUCH zu holen
das überschäumt aus jeder Welle bricht
die du aussendest, um mich mitzunehmen
to make new Love, bis uns das Licht ausgeht…
David Telgin: Spanische Treppe
Zu viele Stufen
Zu wenig Luft
Vielleicht
beim nächsten Mal.
David Telgin: Trevi-Brunnen
Wer Münzen
in den Trevi-Brunnen wirft
Der kommt
wieder nach Rom
Um sein Glück
zu finden
sagt
die Legende
ca. 3000 Euro
pro Tag
Die fast
jeden Morgen
Aus dem Brunnen
gefischt werden
Und die Stadtkasse
freut sich
Wenn du
wiederkommst.
Christian Knieps: Sehnsuchtserinnerung
Viele Schülerinnen und Schüler hatten bestimmt die Möglichkeit, in der Jugend mit der Schule einen Ort zu besuchen, der im späteren Leben eine Art Sehnsuchtsort werden könnte. Bei mir waren zwei Italienreisen mit unterschiedlichen Schulen Ausgangspunkt für meine Sehnsucht nach diesem Land, das schon seit mehreren Jahrzehnten die Deutschen fast magisch anzieht. Auch schon zu Zeiten der Aufklärung und der folgenden Romantik sehnten sich viele nach dem Land im Süden, und diejenigen, die Italien als Studienreise besuchen konnten, schwärmten ihren Zeitgenossen vor, welche Bildung in diesen Landstrichen zu erlangen sei.
So toll das klingen mag – das alles interessiert einen Jugendlichen in den Neunzigern so überhaupt nicht! Wir fuhren nach Rom, Pisa, Florenz, Siena, aßen Pizza in Seitenstraßen, tranken eiskaltes Peroni und herben Campari, suchten in den Städten das goldene M, besuchten offiziell die Uffizien, doch als wir drin waren, wollten wir nach dem Pflichtteil nur nach draußen, um uns die Italiener und die Italienerinnen anzuschauen. Damals verstanden wir die Komplexität des Lebens, der Kultur und der Bildung nicht mal ansatzweise – wobei streng genommen doch etwas hängen blieb.
Im Rückblick entwickelte sich die Sehnsucht nach Italien, Rom, die Kultur, die vielen geschichtsträchtigen Regionen und Bauten und die Menschen vor Ort erst später, im Studium, doch da waren die weitreichenden Möglichkeiten aus den Studienreisen der Schulzeit vorbei; ab nun musste für eine Reise selber gezahlt werden – und die Frage, die im Raum für mich steht, ist folgende: vielleicht ist die Sehnsucht nach Italien am Ende stärker als das Gefühl, wirklich vor Ort zu sein – sollte man es dann nicht besser bleiben lassen, zu seinem Sehnsuchtsort zu reisen, nur um die Sehnsucht danach nicht zu zerstören? Wenn man doch nur wieder Jugendlicher wäre – denen fallen solche Entscheidungen einfach viel leichter!
FD: Rom 2125
Leises Motorensummen. Rauschen einer Klimaanlage.
A: Viele Wege führen nach Rom.
B: Auch Rom wurde nicht an einem Tag gebaut.
A: Eulen nach Rom tragen.
B: Athen. Das war Athen.
C rührt gelangweilt in ihrem Kaffee: Was soll denn bitte Athen sein?
B: Die Hauptstadt von Griechenland.
A: Ehemalige Hauptstadt.
C: Noch so ein Haufen alter Ruinen?
A: So ungefähr. Bist du sicher, dass es Athen war? Warum sollte man Eulen nach Athen tragen?
C: Warum sollte man überhaupt irgendwohin Eulen tragen?
B: Genau darum geht es doch!
C: Aha.
A: Ich glaube ja, dass es Rom war.
B: Gut. Sollen wir es nachschauen? Okay, Google: Sprichwort – Eulen nach Athen tragen.
Google: Eulen nach Athen tragen: Die Redensart Eulen nach Athen tragen steht für eine überflüssige Tätigkeit./
C: Etwa so überflüssig wie die Diskussion gerade./
Google: Sie geht auf den antiken griechischen Dichter Aristophanes zurück, der den Ausspruch in seiner Komödie Die Vögel um 400 v. Chr. prägte./
C: Laaangweilig./
Google: Dort wird in Vers 301 eine herbeifliegende Eule mit den folgenden Worten kommentiert: «Τίς γλαῦκ’ Ἀθήναζ’ ἤγαγεν;» / „Tis glauk’ Athénaz’ égagen?“/
C: Okay, danke! Google.
Google: „Wer hat eine Eule nach Athen gebracht?“ (Anmerkung: γλαῦκ’ glauk’ ist verkürzt aus γλαῦκα glauka „Eule“ [Akkusativ] und steht im Singular.)/
C: Danke, Google.
Google: In der Übersetzung von Carl Friedrich Schnitzer und Wilhelm Siegmund Teuffel heißt es:/
B: Danke, Google. Es reicht!
A: Ich versteh nicht, warum es nur auf dich hört.
B: Vielleicht hab ich es so eingestellt!?
C: Können wir dann mal für einen Moment euer intellektuelles Battle unterbrechen und klären, warum wir da überhaupt hin fliegen?
B: Tun wir ja nicht.
C: Hä?
A: Ugh. Wir fliegen nach Rom. Nicht nach Athen. – Kannst du mal deine Besserwisserei ein bisschen weniger raushängen lassen?
B: Sorry.
…
B: Ich dachte, es wäre zur Abwechslung mal ganz nett – etwas Kultururlaub!?
C: Aha.
…
C: Hätte es nicht trotzdem wenigstens ein Städtetrip oder so sein können? Warum sollen wir uns einen Haufen Steine anschauen?
B: Na ja… es sind halt recht wichtige? Steine?
A: Was genau macht denn diese Steine wichtiger als andere?
B: Es gab zum Beispiel mal ein römisches Reich…!?
…
B: Antike und so!?
…
C: Okay, google: Römisches Reich.
Google: Römisches Reich. Das Antike römische Reich (lateinisch Imperium Romanum) war das von den Römern, der Stadt Rom bzw. dem römischen Staat beherrschte Gebiet zwischen dem 8. Jahrhundert v. Chr. und 7. Jahrhundert n. Chr.
C: Okay, google: Fun facts zum Römischen Reich.
Google: Meme: Eine Frau filmt sich, wie sie einem Mann die Frage stellt, wie oft er an das Römische Reiche denke. Die Antwort: »Drei Mal täglich.« Und: »Jeder Junge, den du jemals getroffen hast, hat sich schon mal die Frage gestellt: ›Könnte ich in der römischen Legion überleben?‹ «/
B: Okay, danke, google.
Google: »Das ist eine normale Sache.« Die Frau wirkt nicht so, als könne sie das nachvollziehen. Sie lacht.
C: Google, klappe.
A: Na, Du hast deinem google ja auch einen freundlichen Umgangston beigebracht.
C: Immerhin hört es auf mich.
A: Tz.
C: Okay, aber was soll der Quatsch von wegen „Wie oft denkst du an das römische Reich?“
B: Keine Ahnung, irgendsoein „early 21st century nonsense“.
C: Aha.
B: Jedenfalls war Rom mal riesig. In der Antike jedenfalls. Und später dann die Hauptstadt Italiens.
C: Ach, krass. Rom war mal eine Hauptstadt? Ich dachte, da gibt es nichts außer viel Sand und Stein.
A: Dir ist aber schon klar, dass die Welt nicht schon immer gleich aussah, oder?
C: Haha…
A: Klimawandel?
C: Ich dachte immer, das wäre ein Mythos gewesen?
B: Naja… weiß man nicht so genau. Also, warum sich genau im 21. Jahrhundert plötzlich so viel… verändert hat. Aber Rom war wohl mal eine ganz normale Stadt.
C: Und dann? Haben sie einfach beschlossen, die Hauptstadt umzuziehen?
A: Wahrscheinlich ist ihnen nicht viel anderes übriggeblieben?
B: Zu hohe Temperaturen, zu wenig Wasser.
C: Und da wollen wir hin? Freiwillig?
B: Ach, komm. Wir machen ein, zwei Tagestouren. Wenn es dir zu heiß ist, kannst du ja im Auto bleiben.
A: Und den Rest der Zeit liegen wir eh nur am Pool. Wie immer. Von wegen „Bildungsurlaub“.
C: Ich hoffe, der Pool ist indoors?
B: Ja, natürlich. Wie soll das denn sonst gehen, bei den Temperaturen?
Klirren einer Kaffeetasse auf der Untertasse. Kurzes Klingeln (Ding-Dong).
Pilot: Okay, ladies. Ihr müsst euch kurz anschnallen. Wir erwarten Turbulenzen.
C: Ugh. Wofür haben meine Eltern eigentlich einen neuen Privatjet, wenn der immer noch nicht sicher ist gegen Turbulenzen!?
B: Ich glaube nicht, dass das so funktioniert!?
Lauteres Klirren.
A: Ich hasse fliegen.